Ansatzerklärung

Was ist Neurophysiologische Entwicklungsförderung?

Was hat dies nun mit Kindern zu tun, die unter Lern- oder Verhaltensstörungen leiden?

Studien haben ergeben, dass bei einem hohen Prozentsatz jener Kinder mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz, die spezifische Probleme in einem oder mehreren Bereichen haben, die durch bisherige Bemühungen und/oder herkömmliche Therapieprogramme nicht behoben werden konnten, noch eine Reihe primitiver Reflexe wirken. Gleichzeitig sind bei ihnen oft einige Haltungsreaktionen nicht oder nicht vollständig entwickelt. Am Beispiel eines primitiven Reflexes, und zwar des Asymmetrisch-Tonischen-Nackenreflexes" (ATNR) soll - sehr verkürzt - gezeigt werden, welche Auswirkungen ein solcher Reflex - hier in bezug auf den Erwerb und die Ausübung der Schreibfähigkeit - haben kann, wenn er nicht zum richtigen Zeitpunkt gehemmt wurde.

Ab dem 4 1/2-ten Schwangerschaftsmonat beginnt sich der ATNR zu entwickeln. Durch den Aufbau von Muskelspannung hat er einen wichtigen Anteil an den ersten Bewegungen eines Babys im Uterus. Die Bewegung des Kopfes des Babys zu einer Seite löst eine reflexive Streckung von Arm und Bein auf der Körperseite aus, zu dem Kopf gedreht ist sowie eine gleichzeitige Beugung der Gliedmaßen auf der anderen Seite. Da der ATNR zu der Zeit anwesend ist, in der das Baby lernt, in der Nähe befindliche Gegenstände zu fixieren, stellt das Nervensystem mit diesem Reflex sicher, dass sich der richtige Arm zum ins Auge gefassten Gegenstand ausstreckt. Durch die Verbindung von Kopf-, Augen- und Armbewegung bildet der ATNR die Grundlage für ein erstes Training der Zusammenarbeit von Auge und Hand und damit eine fundamentale Voraussetzung für alles spätere Lernen in der Schule.

Wenn nun der ATNR- Haltung jedoch über den 4. -6. ten Lebensmonat hinaus wirksam bleibt, hindert dies die weitere Entwicklung des Babys entscheidend. In diesem Alter beginnt es nämlich, kontrollierte und beabsichtigte Bewegungen ausführen zu lernen. z.B. einen bestimmten Gegenstand zu ergreifen. Eine noch aktive ATNR- Haltung erlaubt es dem Kind zwar, seinen Arm auszustrecken und mit den Fingern den erblickten Gegenstand zu berühren, aber nicht, ihn auch zu ergreifen, da es hierfür die Finger beugen müsste. Ebenso wenig gelingt es ihm, einen Gegenstand zur genaueren Untersuchung zur Körpermitte zu bringen, da der Ellenbogen sich nicht beugen kann, solange der Kopf zum Gegenstand gerichtet ist.

Wenn später ein solches Kind in der Schule sitzt und etwas schreiben soll und mit den Augen das verfolgt, was es schreibt, möchten seine Finger aufgrund der Kopfdrehung sich strecken und den Stift loslassen. Ebenso möchten seine Arme sich strecken, wodurch dann das Einhalten gerader Linien zu einer anstrengenden und mühsamen Angelegenheit wird. Um die Streckimpulse zu kompensieren, wird der Stift oft verkrampft oder in ungewöhnlicher Fingerhaltung angefasst und die Lage des Heftes auf dem Tisch häufig auffallend verdreht.

Diese auf Dauer ermüdenden Anstrengungen, gegen den Reflex anzukämpfen, gehen auf Kosten kognitiver Verstehensprozesse: Das Kind begreift nur schwer bzw. gar nicht, was es schreibt. Dies ist nur ein Beispiel aus der Fülle vorliegender Erkenntnisse, wie sich bestimmte fortbestehende Reflexe auf spezifische Lern- und Verhaltensstörungen auswirken können.

Die Möglichkeit, hinter vielen Lern-, Verhaltens-, Bewegungs- und Wahrnehmungsproblemen bei Kindern neurophysiologische Reifungsstörungen in Gestalt persistierender (fortbestehender) primitiver Reflexe zu entdecken, eröffnet ganz neue Chancen, diesen Kindern zu helfen, indem an den Ursachen und nicht an den Symptomen angesetzt wird.